Lychen: Kernwaffenlager / Komplex 4000

Büttner

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Das klingt jetzt alles erstmal nach einem Übungsplatz von Brückenbaupionieren. In dem Fall sogar in Nutzung durch GSSD und NVA. Sind dort mal langgepaddelt, das Ufer und die angrenzende Landschaft hat jetzt nicht unbedingt so den Eindruck hinterlassen als wenn man da irgendwie mit Fahrzeugen den Fluß hätte erreichen können. Nicht falsch verstehen, ich bezweifel das nicht. Ich sah dort nichts was wie eine Übersetzstelle oder einen Gewässerübergang aussah. Ist ja auch schon Jahrzehnte her.

Lässt sich "sechziger Jahre" zeitlich eingrenzen, zumindest Unterscheidung Anfang oder Ende? Die weiteren Erläuterungen legen ja Anfang der sechziger Jahre nahe. Aber gilt das für alle Schilderungen?

Man müsste jetzt auch mal einen Blick auf eine Karte mit Marschwegen werfen können. Es konnte ja durchaus sein das dort eine Route entlangführte. Wäre durchaus vorstellbar weil ja der Truppenübungsplatz Templin gleich daneben ist.

Anmerkung: Ganz großen Dank für die Informationen!
 

MichaelR

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Das mit den sowjetischen Brückenbauübungen muß in der zweiten Hälfte der 60er Jahre gewesen sein. In der Zeit war ich als Schulkind oftmals schon allein an der Woblitz und im Wald unterwegs. Unsere Familien haben munter Pilze und Blaubeeren gesammelt, gelegentlich auch hinter einem - nach meiner Erinnerung - "lockeren" Stacheldrahtzaun. Das kann dort m. E. nur die "erste" Umzäunung von Lychen II gewesen sein. Von Sowjetsoldaten erwischt worden und - angesicht von uns Kindern - freundlich aber sehr bestimmt zurück hinter den Zaun geschickt worden. Hingekommen sind wir mit dem Trabbi nach nur einer kurzen Fahrt vom Forsthaus aus. Der Förster klagte übrigens gelegentlich über Wilderei der Soldaten; nahm mich mal mit zu einer Stelle, wo ein mit MPi angeschossenes (teilweise zerfetztes) Reh verendet war. Dass sollte dann mit den "Freunden" ernsthaft besprochen werden. Der Förster hielt übrigens auch die Waffen des Jagdkollektivs (u. a. auch DRR-Funktionäre) unter Verschluss. Einmal im Jahr fand die Hubertusjagd gemeinsam mit Sowjetoffizieren (meine mich zu erinnern: aus Fürstenberg/Ravensbrück und/oder Kastaven) statt. Der Jagdabschluß fand mit einer gemeinsamen "Party" (Jagdhornblasen, Essen, Trinken, Bedienung durch Soldaten) auf der sog. "Kleinen Ablage" statt. dort, wo heute die Fahrradbrücke die Woblitz quert.
Was die Routen anbelangt, würde das mit der Woblitzquerung m. E. sowohl als Transportweg der KWEM (z. B.in Richtung Wokuhl?) aber auch als Ost-West-Marschroute aus Richtung Templin, Vogelsang passen.
 

Büttner

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Entschuldige meine Nachfragen aber ich würde das gerne zeitlich auseinandersortieren weil da verschiedene Objekte dranhängen.
Anfang der 60er wurde auch der Zeltplatz nahe der Mündung der Woblitz in den Großen Lychensee auf Betreiben der sowjetischen Streitkräfte geschlossen. Die in der Nähe befindlichen zwei, drei Ferienhäuser (Blockhäuser, Bungalows) - ca. 250 m nordöstlich des Forsthauses im Wald - wurden bis zur Wende durch Urlauber des MfS weitergenutzt.
Dieser geschlossene Zeltplatz, befindet sich hier?
https://opentopomap.org/#marker=15/53.18978/13.29174

Die Schließung des Zeltplatzes (siehe oben, Lage unklar) Anfang der sechziger Jahre hängt meiner Meinung nach nicht mit dem Sonderwaffenlager zusammen weil es das damals noch nicht gab. Aber in diesesr Zeit wurden Vorbereitungen für die Stationierung von Mittelstreckenraketen SS-4 bzw. R-12 im besagten Wald sowie in der Kaserne Neu-Thymen getroffen, zur Stationierung selbst kam es dann nicht. Es wäre duchaus möglich das aus Gründen der Geheimhaltung der Wald "gesäubert" wurde weil sonst die vorbereitete Feuerstellung entdeckt worden wäre.

Deine Schilderung aus der zweiten Hälfte der sechziger Jahre mit dem Zaun kann eigentlich nur nach bzw. ab 1967 gewesen sein weil zu diesem Zeitpunkt mit dem Bau des hier behandelten Sonderwaffenlagers begonnen wurde. Das würde auch für die Brückenbauübungen gelten, sofern da überhaupt ein Zusammenhang besteht.

Wokuhl war eine sowjetische SS-12 Stellung aus den achtziger Jahren, hat mit diesem Sonderwaffenlager hier nichts zu tun.
 

the passenger

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Moin MichaelR,
erst mal ganz lieben Dank für Deine Beiträge!

Ich würde hier gerne auch noch mal auf die "Zeitschiene" für die Gegend um das Sonderwaffenlager verweisen. Nach allem, was bisher bekannt ist:

-1959: Stationierung von R-5M Raketen in der Garnison Vogelsang. 1 Startplatz bei der Garnison, 1 Startplatz im Gelände... Atomare Sprengköpfe über Flugplatz Gross Dölln eingeflogen. Abzug nach wenigen Monaten Anfang Herbst 1959.

- 1962: Infrastruktur-Vorbereitung zur Stationierung von R-12 Raketen, Bau von jeweils 4 Startplätzen an 2 Orten im Gelände (z.T in der Nähe des späteren Sonderwaffenlagers). Weder die Raketen, noch die Sprengköpfe wurden dann in die DDR geliefert.

- 1967/68: Bau des Sonderwaffenlager "Lychen II"/"Totchka" für nukleare Sprengmittel. Heute eingeordnet als atomare Sprengkopfwaffenlager der "nuklearen Teilhabe" der Staaten des "Warschauer Vertrages" im Kriegsfall. Welche Sprengköpfe wann dort für welches Waffensystem gelagert wurden? ???

- 1980er: neue Atomwaffen/-raketen werden an mehreren Standorten in der DDR stationiert, z.B. Wokuhl (keine SS-20). Wo wurden die Sprengköpfe dafür gelagert?

Gutgehn.
 

Büttner

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-1959: Stationierung von R-5M Raketen in der Garnison Vogelsang. 1 Startplatz bei der Garnison, 1 Startplatz im Gelände... Atomare Sprengköpfe über Flugplatz Gross Dölln eingeflogen. Abzug nach wenigen Monaten Anfang Herbst 1959.
Das müsste man ergänzen um den Standort Neu-Thymen. Also eine Abteilung mit SS-3 in Neu-Thymen und eine Abteilung mit SS-3 in Vogelsang.

Dazu ein Frage an unseren Zeitzeugen, wie war denn das damals, konnte man von Himmelpfort in den östlich davon gelegenen Wald fahren bzw. spazieren? Und wie war damals die durch den Ort Himmelpfort führende Hauptstraße beschaffen?
 

MichaelR

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Ja, in den Wald konnte man problemlos, mindestens zu Fuß. Der Tangersdorfer Weg war meiner Erinnerung nach direkt am Waldesrand mit einem Verbotsschild für die Einfahrt der MVM und allgemeinem Verbotsschild "mit Ausnahme Forstwirtschaft" versehen. Alle Wege östlich der Woblitz sind mir als unbefestigt in Erinnerung (Sandwege). Nur der Tangersdorfer Weg schien besser befestigt (Schlackeß). Die Straße durch Himmelpfort war zumindest in den 60ern übles Kopfsteinpflaster. Die Brücke über den Schleusengraben (zw. Stolp- und Haussee) war ziemlich schmal (nur wechselseitig befahrbar) und damals aus Holz.
 

Büttner

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- 1980er: neue Atomwaffen/-raketen werden an mehreren Standorten in der DDR stationiert, z.B. Wokuhl (keine SS-20). Wo wurden die Sprengköpfe dafür gelagert?
Mittlerweile ist ja das Thema der SS-12 Stationierung in der DDR sehr gut dokumentiert. Im Zusammenhang mit der im nördlichen Teil der DDR stationierten SS-12 Brigade und deren Lagerorte, die Sonderwaffenlager befanden sich zu unterschiedlichen Zeiten in Warenshof, Neu-Thymen, Wokuhl, Strelitz-Alt und Schweinrich.

@MichaelR, bitte nimm dich mal meiner Frage zum stillgelegten Zeltplatz an, Danke.

PS: Wie schaut es eigentlich mit dem Damm/Brücke zw. Sidowsee und Moderfitzsee aus?
 

MichaelR

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Ich meine mich zu erinnern, dass die Straße von der Chaussee Fürstenberg-Lychen ausgebaut wurde, als Betonstraße, bis an Himmelpfort heran. Über die Verbindung zw. Moderfitz- und Sidowsee kann ich nicht sagen; mir fiel keine Brücke auf; vieeleicht verrohrt.
Der von mir erwähnte Zeltplatz lag hier: https://goo.gl/maps/uPxEzbb1f2z2MimC7
 

the passenger

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Das müsste man ergänzen um den Standort Neu-Thymen. Also eine Abteilung mit SS-3 in Neu-Thymen und eine Abteilung mit SS-3 in Vogelsang.

Absolut richtig, ich wollte es in meinem Beitrag nicht zu kompliziert machen ...
Damit ergibt sich für mich auch die Suche nach einem eventuellen/vermuteten Standort einer SS-3/R-5M "Feldstellung" in der Nähe von Vogelsang.

Die spannenste Frage zum Thema ist für mich allerdings folgende: wozu wurden die "Schutzbauten" und Sprengkopflagergebäude für R-5M/R-12 in Vogelsang und Neu-Thymen nach 1962 genutzt?

Gutgehn!
 

Büttner

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Die spannenste Frage zum Thema ist für mich allerdings folgende: wozu wurden die "Schutzbauten" und Sprengkopflagergebäude für R-5M/R-12 in Vogelsang und Neu-Thymen nach 1962 genutzt?
Also im Falle Vogelsang wurde das Sonderwaffenlager einfach weiterbenutzt u. a. von einer anderen Einheit für ein anderes Raketensystem, Köpfe und Träger (FPN 55543). So blieb es ein Sonderwaffenlager. Aber ich denke nicht unmittelbar nach Abzug der SS-3 im Jahr 1959. Spätestens jedoch ab 1962 als klar wurde das es mit der Stationierung der SS-4 nichts mehr wird.
Zu Neu-Thymen vermute ich das es auch so gemacht wurde, spätestens jedoch in den achtziger Jahren für SS-12. Hier gibt es aber noch Nachweislücken.
 

the passenger

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Also im Falle Vogelsang wurde das Sonderwaffenlager einfach weiterbenutzt u. a. von einer anderen Einheit für ein anderes Raketensystem, Köpfe und Träger (FPN 55543). So blieb es ein Sonderwaffenlager. Aber ich denke nicht unmittelbar nach Abzug der SS-3 im Jahr 1959. Spätestens jedoch ab 1962 als klar wurde das es mit der Stationierung der SS-4 nichts mehr wird.

Okay, aber kannst/willst du hier auch konkret sagen, um welches Raketensystem es sich deiner Meinung gehandelt hat?
 

Büttner

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Ist kein Geheimniss aber es kann sein das ich damit in Teilen falsch liegen, 55543 war eine von vielen PRTB in der DDR. Massenware folglich über die Jahre Scud, Luna, Luna-M und Totschka, entweder alle oder nur einige davon. Halt für die Raketenbrigaden der Armeen/Gruppe oder Boden-Boden-Raketenabteilungen der Divisionen. Eine solche Abteilung war auch in Vogelsang stationiert aber am gegenüberliegenden Ende der Kaserne. Ich vermute das in Neu-Thymen eine vergleichbare PRTB stationiert war in den sechziger und siebziger Jahren. Gleiche Systeme. Das Problem ist das Wissen über Einheiten usw. die sich zur Wende nicht mehr an der vorherigen Stationierung befanden.

@MichaelR, das liest sich wie ein FDGB-Ferienheim von einem VEB, findest du nicht auch?. Wie sind eigentlich deine Erinnerungen an dieses Objekt aus den früheren Jahren?
"Eisenbahner" könnte auf Deutsche Reichsbahn hindeuten. Das ist natürlich interessant weil, wenn wir jetzt das spätere Sonderwaffenlager als Mittelpunkt nehmen, sich in folgenden Entfernungen davon befinden (im Sinne Spionageabwehr):
- 1,7 km FDGB-Ferienheim
- 1,9 km Forsthaus
- 2,1 km geschlossener bzw. MfS-Zeltplatz beim Forshaus
- je etwa 3 km die Orte Himmelpfort und Tangersdorf
- 3,8 km Ort Hohenlychen
- 4,7 km Ort Bredeeiche

Warum wurde der Zeltplatz für die Öffentlichkeit geschlossen bzw. für nur noch das MfS nutzbar gehalten und das FDGB-Ferienheim blieb in Betrieb? Mir kommt das wiedersprüchlich vor.

PS: Danke für den Link!
 

Büttner

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Der von mir erwähnte Zeltplatz lag hier: https://goo.gl/maps/uPxEzbb1f2z2MimC7

Wie gesagt: Vorbereitung für Brücke; Brückenbau durch Sowjetarmee mehrfach geübt, Standort zeitweilig bewacht: https://goo.gl/maps/1nrdddWj7nFwvZTZ6


Eine kleine Wanderung führte uns dann doch mal zu diesen Örtlichkeiten, um sich das genauer anzuschauen. Zur Orientierung kann man die Legendierungsnummern 1 bis 5 benutzen, dargestellt mittels GPX-Track auf OpenTopoMap:

1) Das nennt sich Koppel Ablage, von @MichaelR als Zeltplatz benannt. Dort ließen sich faktisch keinerlei zivilisatorische Spuren finden. Nur ein Schild das auf die Nutzung dieser Stelle für die Flösserei verweist und das deren Ende auf um 1960 datiert.

2) Forsthaus Woblitz in Hanglage, heute Naturkunde- bzw. Greifvogelstation Woblitz. Sieht bewohnt aus aber niemanden angetroffen. Eine Stromleitung aus Richtung OSO führt zu dieser Liegenschaft und endet hier. Weg hinunger zur Woblitz flache Hanglage.

3) So etwas wie ein Rastplatz und Anlegestelle, flaches und nasses Gelände, Reste von Strommasten sichtbar, die Trasse die heute am Forsthaus endet ging vermutlich mal geradelinig rüber über die Woblitz und weiter in Richtung WNW.

4) Von @MichaelR als Übersetzstelle (?) NVA bezeichnet. Südseite Zufahrt an flachen Hang auf weichen Sand mit guten Willen erkennbar, Nordseite eher Steilhang mit einer steilen serpentinartigen Zufahrt. Dort am Ufer rechtwinkliger Knick notwendig um eine Pionierbrücke o. ä. befahren zu können. Schaut man sich dort um, also mir persönlich kommt das als für solche Aktivitäten problematisches Gelände vor. Keinerlei infrastrukturelle Spuren. Standort einer möglichen Pionierbrücke faktisch nicht bestimmbar.

5) Das nennt sich Hohe Ablage, es gilt das gleiche wie für die Koppel Ablage, also um 1960 Flösserei eingestellt. Von @MichaelR als Übersetzstelle (?) GSSD bezeichnet. Südseite Zufahrt an flachen Hang sehr gut erkennbar, kurz vor der Woblitz eine langgezogene etwa rechtwinklige aber großzügige Kurve, Nordseite flache gerade Zufahrt, erst später leicht ansteigend, Weg ist erkennbar. Hier Pionierbrücke oder ähnliches sehr gut vorstellbar. Keinerlei infrastrukturelle Spuren.
 

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the passenger

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Moin zusammen,

hab mal versucht über einen Photo-Freund den niederländischen Kollegen "fap" aus diesem Forum bezüglich seiner Quellen zur damaligen Angabe "T-7"/"Type T-7" bezüglich der drei Sonderwaffenlager in Polen zu befragen.
http://www.hidden-places.de/showthr...nia-Sonderwaffenlager-Typ-VII-Objekt-3002Poen

Resultat: negativ. 12 Jahre her, er kann sich nicht mehr erinnern, wie er letztlich zum Begriff "T-7"/"Type T-7" für die jeweiligen Schutzbauten in Brzeznica Kolonia und den anderen beiden Orten in Polen kam ... Tel Aviv/Ce la vie/so ist das Leben.

Gutgehn, Christian

So, ich bin bezüglich "T-7" als Bezeichnung für einen bestimmten Bunker-Bautyp für die 12 entsprechenden (bekannten) "Sonderwaffenlager" in meiner Suche etwas weitergekommen, habe heute zufällig etwas gefunden.
Zumindest im Falle "Lychen II" wurde der Begriff "T-7" vom beauftragten NVA-Baubüro 1966 genutzt (siehe links unten):

T-7.jpg
Quelle: V. Eckard, U. Feldmann: Tarnname Fichte (Berlin 2014). Skizze auf Seite 10.
 
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